E-Scooter Reichweite realistisch einschätzen

Die Zahl auf dem Datenblatt ist ein Bestfall, nicht deine Strecke

Du liest "bis 90 km" und planst damit deine Woche. Dann kommt die Akkuanzeige früher in den roten Bereich als gedacht. Der Scooter ist deswegen nicht defekt und der Shop hat nicht gelogen. Die Reichweitenangabe beschreibt Bedingungen, die du im Alltag praktisch nie herstellst.

Herstellerangaben zur Reichweite entstehen unter Idealbedingungen: leichte Person auf dem Trittbrett, flache Strecke, konstant niedriges Tempo, milde Temperatur, korrekter Reifendruck, kein Gepäck. Jede Abweichung davon kostet Kilometer. In der Schweiz weichst du fast immer ab, weil kaum eine Alltagsstrecke flach ist.

Die ehrliche Vergleichsgrösse steht selten gross auf dem Karton: die Akkukapazität in Wattstunden. Wie du sie ausrechnest und wie du daraus deine eigene Strecke schätzt, steht weiter unten.

Wie die Angabe zustande kommt

Reichweite ist keine Eigenschaft des Scooters, sondern das Ergebnis einer Rechnung: verfügbare Energie im Akku geteilt durch Energieverbrauch pro Kilometer. Der Hersteller kann die erste Zahl festlegen, die zweite nicht. Also wählt er für die zweite Zahl Bedingungen, unter denen sie klein bleibt.

Das ist kein Betrug, sondern eine Marketingzahl. Sie sagt dir, was der Akku im günstigsten Fall hergibt. Sie sagt dir nicht, wie weit du morgen zur Arbeit kommst. Der entscheidende Punkt: anders als beim Auto, wo ein genormtes Prüfverfahren vorgeschrieben ist, gibt es für E-Scooter keine verbindliche Messnorm. Kein Hersteller im Sortiment nennt Testgewicht, Testgeschwindigkeit oder Streckenprofil zu seiner Reichweitenangabe. Damit sind die Zahlen zweier Marken untereinander nicht vergleichbar, und genau deshalb rechnen wir weiter unten über die Wattstunden statt über die Kilometer.

Die sieben Faktoren, die deine Reichweite bestimmen

1. Dein Gewicht

Jedes Kilo muss beschleunigt und bergauf gehoben werden. Wer deutlich schwerer ist als die Testperson des Herstellers, fährt kürzer. Das ist der Faktor mit dem grössten Einfluss, den du am wenigsten ändern kannst.

2. Zuladung

Rucksack, Einkauf, Werkzeug: Gepäck wirkt genau wie Körpergewicht. Eine Lenkertasche verlagert das Gewicht nur, sie hebt es nicht auf.

3. Topografie

Bergauf wandelt der Motor Strom in Höhe um. Auf einer Steigung zieht er ein Mehrfaches der Leistung, die er in der Ebene braucht. Bergab bekommst du einen Teil zurück, wenn dein Scooter rekuperiert, aber nie alles. Wer in Zürich, Lausanne oder St. Gallen wohnt, plant mit deutlich weniger Reichweite als jemand im Flachen zwischen Bahnhof und Büro.

4. Geschwindigkeit

Der Luftwiderstand wächst überproportional mit dem Tempo. Deshalb sind die Reichweitenangaben bei den schnellen Modellen so erklärungsbedürftig: Ein Scooter, der laut Hersteller bis 85 km/h fährt und bis 120 km weit kommt, tut beides nicht gleichzeitig. Die 120 km entstehen bei gemütlichem Tempo.

Das ist der Grund, warum die auf 20 km/h limitierten CH-Modelle ihre Angabe eher erreichen als die Leistungsmodelle: Sie fahren dauernd in dem Bereich, in dem gemessen wird.

5. Temperatur

Lithium-Ionen-Zellen geben in der Kälte weniger Energie ab. Im Winter zeigt die Anzeige nach dem Start oft schon weniger an, obwohl der Akku voll ist. Ein Teil davon kommt zurück, wenn der Akku warm wird. Wie stark der Effekt ausfällt, hängt vom Zelltyp ab, und keiner der Hersteller im Sortiment gibt dazu eine Zahl an. Eine Prozentangabe wäre hier geraten, deshalb nennen wir keine. Wichtig ist der praktische Teil: rechne im Winter mit weniger Strecke, plane die Rückfahrt entsprechend, und stell den Scooter zum Laden in einen frostfreien Raum.

6. Reifendruck

Ein zu weicher Reifen walkt bei jeder Radumdrehung und frisst Energie. Reifendruck ist die einzige Stellschraube, die dich nichts kostet und die du in fünf Minuten prüfst. Den Sollwert findest du auf der Reifenflanke oder im Handbuch deines Modells.

7. Fahrstil

Voll beschleunigen, bremsen, wieder voll beschleunigen: jeder Stopp wirft die Energie weg, die im Tempo gesteckt hat. Gleichmässig rollen bringt mehr Kilometer als jede Zubehörentscheidung. Auch der Fahrmodus zählt, wenn dein Scooter mehrere hat.

Kurz gesagt

Volt mal Amperestunden ergibt Wattstunden. 48V × 15Ah = 720 Wh. Wattstunden sind die Zahl, mit der du zwei Scooter ehrlich vergleichst. Amperestunden allein sagen nichts, solange die Spannung unterschiedlich ist.

Warum Amperestunden dich in die Irre führen

Auf Datenblättern stehen zwei Werte: Spannung in Volt und Ladung in Amperestunden. Erst zusammen ergeben sie Energie:

  • Volt × Amperestunden = Wattstunden
  • 48V × 15Ah = 720 Wh
  • 52V × 22.5Ah = 1170 Wh
  • 60V × 38Ah = 2280 Wh

Der Fehler passiert beim Quervergleich. Ein 60V-Akku mit 20Ah kommt auf 1200 Wh. Ein 52V-Akku mit 23Ah hat mehr Amperestunden, aber nur rund 1196 Wh, praktisch dasselbe. Wer nur auf Ah schaut, hält den einen für deutlich grösser. Wer auf Wh schaut, sieht einen Gleichstand.

Deshalb lohnt es sich, bei jedem Modell einmal selber zu rechnen, bevor du Preise vergleichst.

Die Modelle nach Akkukapazität sortiert

Die letzte Spalte ist reine Arithmetik: Akkukapazität geteilt durch die vom Hersteller versprochene Reichweite. Sie ist kein Messwert, sondern zeigt, wie sparsam der Hersteller rechnen musste, um auf seine Zahl zu kommen. Ein niedriger Wert bedeutet eine optimistische Angabe.

Modell Akku Wattstunden Reichweite laut Hersteller Rechnerisch Wh pro km
KuKirin G2 VMP 48V 15Ah 720 Wh bis 65 km 11.1
KuKirin T3 48V 15.6Ah 749 Wh bis 58 km 12.9
Boyueda Q7 Pro 52V 19Ah 988 Wh 60 bis 70 km 14.1 bis 16.5
KuKirin G2 Master 52V 20.8Ah 1082 Wh bis 70 km 15.5
Teverun Blade Mini Pro eKFV 52V 22.5Ah 1170 Wh bis 60 km 19.5
KuKirin G3 Pro 52V 23Ah 1196 Wh bis 80 km 14.9
Boyueda Q7 Pro Max 52V 28Ah 1456 Wh 90 bis 110 km 13.2 bis 16.2
Teverun Blade Mini Ultra eKFV 52V 30Ah 1560 Wh bis 90 km 17.3
Teverun Fighter Mini Pro eKFV 52V 30.8Ah 1602 Wh bis 100 km 16.0
Boyueda S3-11 60V 38Ah 2280 Wh 100 bis 120 km 19.0 bis 22.8
Dualtron Thunder 3 72V 40Ah 2880 Wh 120 bis 170 km 16.9 bis 24.0

Zwei Dinge fallen auf. Der günstige KuKirin G2 VMP braucht rechnerisch am wenigsten Energie pro Kilometer, um seine 65 km zu erreichen. Das ist die optimistischste Angabe in der Liste. Der Teverun Blade Mini Pro eKFV dagegen verspricht mit mehr Akku weniger Kilometer, rechnet also konservativ. Beim G2 VMP kommt dazu, dass er derzeit nicht bestellbar ist. Rechne also nicht mit ihm, wenn du bald fahren willst.

Beim Thunder 3 zeigt sich, wie weit eine Spanne auseinandergehen kann: zwischen 120 und 170 km liegen 50 Kilometer Unterschied bei identischem Akku. Das ist der Unterschied zwischen langsam rollen und schnell fahren, vom Hersteller selbst so angegeben.

Umrechnungshilfe: so schätzt du deine eigene Reichweite

Statt der Herstellerzahl zu glauben, ermittle deinen eigenen Verbrauch. Das dauert eine Fahrt.

  1. Kapazität ausrechnen. Volt mal Amperestunden. Beim Blade Mini Ultra eKFV: 52 × 30 = 1560 Wh.
  2. Eine Referenzfahrt machen. Voll geladen losfahren, deine normale Strecke in deinem normalen Tempo, bis die Anzeige einen klaren Wert zeigt. Kilometer und den angezeigten Akkuverbrauch notieren. Eine Balken- oder Prozentanzeige ist nur eine Schätzung und verläuft nicht bei jedem Modell linear.
  3. Verbrauch grob berechnen. Geschätzte verbrauchte Wattstunden geteilt durch gefahrene Kilometer. Beispiel: Nach 30 km zeigt das Display ungefähr die Hälfte an. Die Hälfte von 1560 Wh sind rechnerisch 780 Wh. 780 geteilt durch 30 ergibt als Näherung 26 Wh pro km.
  4. Reichweite hochrechnen. Kapazität geteilt durch deinen Verbrauch. 1560 geteilt durch 26 ergibt 60 km. Das ist deine Zahl, nicht die vom Karton.
  5. Reserve abziehen. Plane die letzten Kilometer nicht ein. Ein leerer Akku bedeutet schieben, und bei manchen Modellen schaltet die Elektronik vorher ab, um die Zellen zu schützen.

Der Wert aus Schritt 3 passt besser zu dir als eine Prospektzahl, weil dein Gewicht, deine Hügel und dein Fahrstil schon eingerechnet sind. Er bleibt aber eine Schätzung, solange du nur mit Balken oder Prozentanzeige rechnest. Wiederhole die Messung im Winter, dann hast du zwei brauchbare Planungswerte für zwei Jahreszeiten.

Als Orientierung, wohin dein Wert fallen sollte: die Herstellerangaben in der Tabelle oben liegen zwischen 13 und 24 Wh pro km. Kommst du in deiner eigenen Messung deutlich darüber, fährst du schneller, schwerer oder hügeliger als der Prospekt. Das ist normal, aber es heisst auch, dass du die Herstellerreichweite nie erreichen wirst. Eine allgemeine Faustzahl über alle Modelle nennen wir hier nicht, weil sie ohne Messung an deinem Scooter nichts wert wäre.

Wenn dein Display nur grobe Balken zeigt, wird die Rechnung ungenau. Dann fahre eine wiederholbare Strecke und nimm die gefahrenen Kilometer bis zu einem klar definierten Reststand als praktische Planungsgrösse. Ob dein Display eine genauere Anzeige in Prozent oder Volt kann, steht im Handbuch. Die Spannung kann zusätzliche Orientierung geben, lässt sich ohne die Entladekurve des Akkus aber ebenfalls nicht direkt in einen exakten Prozentwert übersetzen.

Wie viel Akku brauchst du?

Rechne mit deiner Strecke, nicht mit der maximal möglichen. Ein Arbeitsweg von 8 km einfach ergibt 16 km am Tag. Selbst mit grosszügiger Reserve reicht dafür der kleinste Akku in der Liste, und du lädst nicht täglich bis 100 Prozent.

Interessant wird es, wenn du zwei Tage ohne Steckdose überbrücken willst oder wenn die Strecke Höhenmeter hat. Dann zahlt sich Kapazität aus. Für Strassennutzung in der Schweiz bleiben dir drei Modelle, und die unterscheiden sich vor allem im Akku:

Der Blade Mini Pro eKFV mit 1170 Wh für 949 CHF deckt Pendelstrecken ab und wiegt 31.2 kg. Der Blade Mini Ultra eKFV bringt für 1319 CHF 1560 Wh, also ein Drittel mehr Energie. Der Fighter Mini Pro eKFV steht mit 1602 Wh und Samsung-Zellen für 1929 CHF an der Spitze. Alle drei sind laut Hersteller auf 20 km/h limitiert, mit 10 Prozent Toleranz.

Grosser Akku ist nicht automatisch die bessere Wahl

Dafür

  • Mehr Reserve an kalten Tagen und auf hügeligen Strecken
  • Du lädst seltener und kannst öfter im mittleren Ladebereich bleiben
  • Weniger Rechnen vor jeder längeren Fahrt

Dagegen

  • Mehr Gewicht. Der Blade Mini Pro eKFV wiegt 31.2 kg, das trägst du keine Treppe hoch
  • Höherer Preis für Kapazität, die du im Alltag nicht abrufst
  • Längere Ladezeit bei gleichem Ladegerät
  • Das Zusatzgewicht kostet selbst wieder Reichweite

Für wen sich der grosse Akku nicht lohnt: wenn du den Scooter regelmässig tragen musst, im Zug mitnimmst oder in eine Wohnung im dritten Stock schleppst. Dann gewinnt das leichtere Modell, auch wenn du häufiger lädst.

Dein nächster Schritt

Miss deine Strecke einmal ehrlich, mit Höhenmetern, hin und zurück. Rechne die Wattstunden der Modelle aus, die du in Betracht ziehst, und vergleiche sie mit deinem Bedarf statt mit der Reichweitenangabe. Wenn du schon einen Scooter hast, fahre die Referenzfahrt aus Schritt 2 und notiere deinen Verbrauchswert. Ab dann planst du mit einer Zahl, die deutlich besser zu deinem Alltag passt.

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